Beiträge von amber1980


    Ein bisschen leise Musik im Hintergrund, ein gutes Buch – das ist genau das, womit ich den heutigen Tag ausklingen lassen möchte. Einmal so richtig gemütlich abhängen, früh ins Bett gehen und gut schlafen – genau danach steht mir der Sinn. Toll, wenn einmal keine Pflicht ruft!

    Doch natürlich ist noch nicht aller Tage Abend. Natürlich klingelt mein Handy und natürlich gehe ich dran, als ich auf dem Display „Schatzi“ lese.


    „Hy, Baby! Langweilst du dich? Ich hol’ dich zu einer kleinen Spritztour ab! Schmeiß’ dich in was Hautenges, so richtig sexy! Ich bin um 10 bei dir“, ruft Constantin mir unternehmungslustig entgegen. Nicht schon wieder!!!

    In den letzten Wochen waren wir abends andauernd unterwegs – auf irgendwelchen Partys oder Clubbings. Irgendwann muss auch mal ein bisschen Zeit für ´ne Verschnaufpause sein! Und am meisten stinkt mir, dass Constantin wieder mal über meinen Kopf hinweg irgendwas plant und mich einfach mitschleppt.
    Nicht mit mir! Nicht heute!


    Hastig, bevor er wieder schnell auflegen kann, bevor ich noch „Piep“ gesagt habe, gähne ich lautstark in den Hörer.
    „Ich bin müde, Schatz, todmüde… Heute wirst du ohne mich losziehen müssen.“

    Ein empörtes Nach-Luft-Schnappen ist die einzige Reaktion, die Constantin noch von sich hören lässt, bevor mir das „Tüt-tüt-tüt“ verrät, dass er aufgelegt hat.


    Hah! Ich kann förmlich sein fassungsloses Gesicht vor mir sehen und bei dem Gedanken daran muss ich grinsen.


    „Niemand stört mich heute bei dem, was ich mir vorgenommen habe!“

    Und wenn meine Pläne auch nur darin bestehen, dass ich mich ins Bett kuschle und mich ins Land der Träume verabschiede: Heute Abend tue ich genau das, was ICH will – und das soll auch in Zukunft so sein!

    Dankeschön für die zahlreichen netten Kommis!
    Viel Spaß mit der Fortsetzung, auch wenn sie nicht besonders lang und besonders spannend ist.




    Als ich unser Haus betrete, liegt Papa im labbrigen Jogginganzug mit der Fernbedienung in der Hand auf dem Sofa – eigentlich ein altvertrautes Bild, doch bei diesem Anblick, der für mich früher fast schon alltäglich vorkam, wird mir erst so recht bewusst, wie wenig Zeit ich letzter Zeit zu Hause verbracht habe.
    Paps scheint der gleichen Meinung zu sein, denn während er früher nur mit einem unwilligen Grunzen darauf reagierte, dass jemand ihm mitten durchs Bild schritt, sieht er diesmal sogar zu mir hoch und verfolgt mich mit argwöhnischen Blicken.


    „Sieh mal einer an! Die verloren geglaubte Tochter stattet uns auch mal wieder einen Besuch ab“, ätzt er.

    „Tag, Paps! Wieder mal nix G’scheites in der Glotze?“ säusle ichund mach’, dass ich wegkomme. Mein alter Herr scheint heute nicht bester Laune zu sein. Da verzieh’ ich mich lieber in die Küche, aus der ich Mum mit dem Geschirr klappern höre und folge dem lieblichen Duft von gebratenen Fleisch, der mir entgegenweht.


    Die beste aller Mütter muss geahnt haben, wie beschissen mein Tag heute war und steht am Herd, wo ein zartes Steak in der Pfanne vor sich hinbruzelt.
    Mein Tag ist gerettet!



    Minuten später falle ich heißhungrig über den Teller mit köstlicher Hausmannskost her und Mum, die mir gegenübersitzt, sieht mir liebevoll dabei zu. Auch wenn sie mir – auf Claudines Anweisungen hin – in letzter Zeit ständig Einhalt beim Essen gebietet: Ich weiß, dass sie sich über meinen gesunden Appetit freut.


    Wie schön es doch ist, jemanden zu haben, der einen GENAU SO liebt, wie man ist (und isst) und der nicht das klitzekleinste bisschen an einem verändern will!
    Und der einen auch ohne Worte versteht und genau weiß, wann man reden will und wann er einen lieber nicht mit Fragen bestürmen sollte.
    Genau der Mensch ist meine Mama für mich! „Danke, Mum, für das tolle Essen – und dafür, dass du heute NICHT mit mir geredet hast“, drücke ich sie, bevor ich mich in mein Zimmer zurückziehe.

    ...eins kommt noch...

    @TearFromHeaven: Hey, dankeschön für den schnellen Kommi. Mal sehen, ob die Show für Jaqui wirklich so ein großer Reinfall wird, wie es der tolle Roger prophezeit hat.



    „An solche Typen wirst du dich gewöhnen müssen, Jackson!“


    „Du wirst lernen müssen, mit vielen grundsätzlich verschiedenen Persönlichkeiten umgehen zu können. Du bist Model und es wird von dir erwartet, dass DU dich anpasst und nicht, dass sich ein Fotograf oder ein Coach oder wer auch immer im Biz’ sich an DICH anpasst!“ lautet Noras Reaktion, als ich ihr Stunden später – abgeschminkt und in einem bequemen Jogginganzug, bei einem unserer „Trainings“ mein Leid klage.


    Ich seufze schwermütig. „Ach Noralein, ich weiß nicht, ob ich das kann. Ich bin mir heute vorgekommen, wie das hässliche Entlein unter lauter schönen Schwänen. Die Mädels waren ja ganz nett – zumindest die meisten, aber die leben in einer ganz anderen Welt als ich. Und dieser Roger hat mir dann den Rest gegeben! Ich glaube, ich hab’ mich selten so beschissen gefühlt wie heute.“


    Nora umarmt mich tröstend. „Lass dich doch nicht so gehen! Ich erkenn’ dich ja nicht wieder, Jackson! Du bist doch immer diejenige, die sagt, ‚das sind ja auch nur Menschen’ – und jetzt lässt du dich auf einmal so einschüchtern.“


    „Hast ja recht! Ich weiß ja selber nicht, was mit mir los ist, aber – glaub mir – am liebsten würd’ ich die ganze Sache auf der Stelle hinschmeißen und wieder die alte Jaqui sein.“


    Oh Gott, ich bin wirklich knapp vorm Flennen! Verwandle ich mich etwa langsam in eine heulsusige Mimose?

    Nora wird langsam ungeduldig.


    „Du willst wieder die alte Jaqui sein? Warum bist du es nicht einfach? Die Jaqui, die ich kennengelernt habe, hätte sich von ein paar hochmütigen Mädels und einem bissigen Fotografen nicht ins Bockshorn jagen lassen! Die Jaqui hätte ihre Nase ebenso hoch getragen wie die anderen und dem stichelnden Roger einfach ein paar rotzfreche Antworten entgegengeschmissen“.

    Ich weiß nicht so recht, was ich darauf sagen soll, aber als ich wenige Minuten später im Taxi nachhause sitze, wird mir bewusst, dass Nora genau das Richtige gesagt hat.


    Wo ist mein Stolz geblieben? Wo meine dreiste, kecke Art? Wo mein gesundes Selbstvertrauen? Das alles kann doch nicht innerhalb von kurzer Zeit völlig auf der Strecke geblieben sein!
    Ich krame in den Tiefen meines Unterbewusstseins, um wieder Oberwasser über mich selbst zu gewinnen.


    „Pah! Von denen lasse ich mich nicht unterkriegen! Sollen sie doch blöd gucken und über mich tuscheln. Ich bin immer noch Jaqueline und diese Jaqueline wird immer dieselbe bleiben, ob man sie jetzt in ein doofes, froschgrünes Kleid steckt, ob man ihr die Haare abschneidet oder ihr das Gesicht mit Make-up zukleistert. Und wenn die mich nicht haben wollen, dann sollen sie es eben lassen! Was bedeutet mir dieses ganze Business überhaupt? Ok, es ist gutes Geld, das man verdient, aber dafür lasse ich mich sicher nicht zum Hampelmann von irgendjemanden machen! Schluss, aus, basta!“

    Ich habe den Kampf gegen mich selbst aufgenommen und gewonnen. Die altvertraute Zuversicht kehrt wieder zurück. Hoffentlich hält sie auch an.

    Minuten später stecke ich in einem Kleid, das grüner ist als der grünste Laubfrosch und habe jede Menge Tünche im Gesicht.

    Wir alle werden hinaus in den Garten zitiert und sollen in Abendkleidern vor einer Fotowand posieren.



    Na gut – es ist mittlerweile Spätherbst, es scheint zwar die Sonne von einem trügerisch blauen Himmel, aber bei Temperaturen von ca. 8 Grad plus ist es nicht gerade angenehm im Freien zu posieren, vor allem in einem Kleid, das weder Ärmel, geschweige denn Träger hat.

    Die anderen Mädels – das muss ich ihnen mit größter Bewunderung zugestehen – sind tatsächlich Profis bis aufs Blut!
    Keine von ihnen lässt auch nur einen Anschein von Frösteln erkennen, während die Gänsehaut auf meinen Armen und Beinen sich zu Daisy-Duck-Ausmaßen entwickelt (o.k. die ist zwar eine Ente und keine Gans, aber solche kleinen Unterschiede können vernachlässigt werden – wahrscheinlich gefriert mir ganz nebenbei auch noch das Hirn ein!)


    Als erste ist – wie könnte es auch anders sein – Viola dran, die unbekümmert und strahlend vor der Kamera posiert.

    Eines muss man ihr ja lassen – sie ist wirklich eine typische blonde, blauäugige Schönheit und beherrscht sämtliche Posen – vor allem den erotischen Schmollmund. Trotzdem habe ich das Gefühl, als stecke da nicht viel dahinter!

    Ines dagegen ist ein ganz anderes Kaliber.


    Ihr rotes Haar, das in solch einem faszinierenden Gegensatz zu ihren schräggestellten, strahlend grünen Katzenaugen steht, ist etwas ganz Besonderes und sie wirkt so unnahbar und aufregend zugleich, dass man gar nicht anders kann, als sie ständig anzustarren.


    Die dunkelhäutige, schwarzhaarige Dame, die vorhin so lässig auf dem Fußboden ausgebreitet lag, nennt sich Anna und sieht auf einmal auf wie die perfekte Glamour-Lady.


    Leora mit ihrem blassen Teint und dem tiefschwarzen, glatten Haar sieht für mich aus wie die Reinkarnation von „Schneewittchen“.

    Und Kristina mit den braunen Haaren, die mir von allen Mädels auf Anhieb die sympathischste war, wirkt in ihrem schmalen, spitzenbesetzten Kleid wie eine zarte Prinzessin.


    Und alle – ALLE – haben’s einfach voll drauf!
    Ein Haufen perfekter Mädels, die genau wissen, wie sie stehen, gehen, schauen, etc. sollen – jede Körperhaltung vollendet bis in die Fingerspitzen.


    Als letzte bin dann ich an der Reihe – und ich merke selber, dass ich schlecht, abgrundtief grottenschlecht bin! Noch bevor der Fotograf es mir gesagt hat, weiß ich, dass mein Lächeln zu zaghaft und meine Haltung zu gekünstelt ist.

    „Jaqueline, meine Liebe, du heißt doch Jaqueline, oder? – Ich weiß, du bist Anfängerin, aber du willst für Veith laufen! Wenn du so läufst, wie du jetzt hier posierst, wird die Show ein glatter Reinfall für dich! Und glaube mir – Veith kann ziemlich unangenehm werden, wenn er sauer ist.“


    Roger wird immer ungeduldiger und ich immer nervöser, weil alle um mich


    herumstehen und mich kritisch beäugen.




    Es will und will einfach nicht klappen und nach unzähligen Aufnahmen, gibt Roger entnervt auf.


    „Hoffen wir für dich, dass du besser laufen, als posen kannst, sonst geht die Sache voll nach hinten los!“ Bevor er einen Abgang macht, murmelt er noch ein verächtliches „Gratuliere zu deiner Wahl, Veith!“.

    Ob er das dem großartigen Meister wohl auch persönlich ins Gesicht sagen würde? Na, der wahrscheinlich schon! Der Mann kennt nichts! Eiskalt und beinhart. Kein Wunder, dass es mit meinen Fotos nix geworden ist! So unwohl habe ich mich noch nie in der Gegenwart eines Menschen gefühlt, wie vor der Kameralinse dieses scharfzüngigen Zynikers.

    So, so! Da liegt also der Hund begraben! Die haben geglaubt, dass ich ihnen vorgezogen werde.


    „Veith scharwenzelt ja immer um die Neuen herum und kümmert sich kaum um uns“ schmollt die Blondine mit vorgestülpten Lippen, „dabei bin ich schon zum vierten Mal bei seiner großen Jahres-Show dabei!“


    „Wissen wir doch, Viola, wissen wir!“ tönen die anderen im Chor und beginnen zu kichern.



    Scheint nicht das erste Mal zu sein, dass Viola sich darüber entrüstet hat.


    „Es ist tatsächlich so, dass Veith uns ‚alte Hasen’ links liegen lässt, sobald er eine Neuerwerbung an Land gezerrt hat. Ist nichts gegen dich, Jaqueline, aber von denen hat sich noch keine lang gehalten und uns stört einfach nur dieses Gehabe das um die immer gemacht wird“, erklärt Ines geradeheraus.

    Ich nicke verständnisvoll, versuche mich aber gleichzeitig zu verteidigen.


    „Bei mir ist das wahrscheinlich was anderes mit dem Einzeltraining und so. Ich hab’ nämlich kaum Ahnung von dem ganzen Business und muss erst das Posen und Laufen und das alles lernen. Ihr seid ja Profis.“

    Eins der anderen Mädchen, die mit den glatten braunen Haaren, die sich inzwischen als „Kristina“ vorgestellt hat, zuckt mit den Schultern.


    „Wahrscheinlich regen wir uns zu sehr auf und es ist von Veith gar nicht bös gemeint, sondern nur gedankenlos. Ist ja klar, dass ein Neuling mehr Unterstützung braucht, als wir, die schon länger im Biz’ sind. Aber ärgern tut es einen trotzdem.“

    Es folgt eine längere Diskussion, in die ich mich nicht weiter einmische, sondern nur an den richtigen Stellen den Kopf nicke oder schüttle. Dem Redeschwall wird dadurch Einhalt geboten, dass ein aufgedrehter, junger Mann händeklatschend hereinstürmt und lautstark „UMZIEHEN! Roger will euch in Abendkleidern sehen!“ befiehlt.


    Wer immer dieser Roger auch sein mag – anscheinend ist er sehr ungeduldig, denn alle Mädchen hüpfen wie von der Tarantel gestochen auf und drängen sich in einen kleinen Umkleideraum.
    „Brauchst du eine Extra-Einladung?“ herrscht mich Rogers Befehlsüberbringer an und da ich nicht unangenehm auffallen will, folge ich dem Beispiel der anderen Mädels, die aufgeregt und halbnackt in den Kleiderständern wühlen.



    geht weiter


    Eine der Grazien, diejenige die auf dem Rücken am Fußboden liegt, grinst zu mir hoch, ohne sich von der Stelle zu rühren, die anderen mustern mich, als ob ich direkt vom Mars käme.





    Nachdem ich befinde, dass ich nun genug angestarrt worden bin, übernimmt mein keckes Wesen endlich wieder die Oberhand. Ist aber auch zu unverschämt von denen, mich so eingehend anzugaffen, als wäre ich ein exotisches Tier im Zoo!

    „O.k., dann stell’ ich mich mal vor: Ich bin Jaqueline. Wie heißt ihr?“, versuche ich, ein Gespräch anzufangen, denn nach meinem Eintreten ins Zimmer waren alle augenblicklich verstummt.
    Haben die keine Namen oder was? Wieder nur abschätzende Blicke – keine Antworten auf meine Frage!

    „Na ja, muss ich wohl auch nicht wissen, oder?“ murmle ich und beschließe, auch den Mund zu halten, bis hier irgendwas weiter passiert. Ein leises „ziemlich arrogant“ kann ich mir allerdings nicht verkneifen.


    „Nur nicht zu aufmüpfig, Kleine!“ fängt die aufgedonnerte Blonde an zu stänkern und man sieht, dass sie noch was sagen will, wobei ihr allerdings die elegante Rothaarige ins Wort fällt.
    „Sei doch still, Viola! Siehst du nicht, dass das Mädel unsicher ist? Musst du’s noch schlimmer machen?“


    Sie sieht aus wie die Verkörperung eines Mannequins, das mit den nobelsten Modehäusern von Paris zusammenarbeitet (wie komme ich jetzt eigentlich auf Paris?), aber sie spricht mit einem so gemütlichen Münchner Dialekt, dass ich ihr am liebsten auf der Stelle um den Hals fallen würde.
    In meine Richtung gewandt sagt sie „Hallo Jaqueline! Ich bin Ines. Tut mir leid, dass wir dich so unhöflich begrüßt haben, aber wir waren wohl alle ziemlich überrascht, dass du heute auch kommst. Bisher warst du ja immer privilegiert durch das Einzeltraining mit Nora.“


    geht noch weiter...

    @daniel1407: Hallo. Kann dir gar nicht genau sagen, woher ich die Frisuren alle herhab', ein paar sind von XM-Sims, von Pronup, ansonsten ... hmm?...
    Hab' ich beim Durchstöbern diversester Seiten gefunden.


    Testudo: Hey! Dankeschön für den Kommi und freut mich, dass es dir gefallen hat. Mal schau'n, ob die Mädels jetzt Zicken oder eh nett sind.

    In den darauffolgenden Tagen lege ich mich trainingsmäßig so ins Zeug, dass es sogar Claudine größte Bewunderung abverlangt.


    Stundenlang mache ich meine Bauch-Bein-Po-usw.-Übungen und das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen, finde ich.

    Da wo vorher, wenn auch fast unmerkliche Ansätze von Babyspeck waren, sind jetzt stahlharte, gut definierte Muskeln.


    „Wurde aber auch Zeit, dass dein Körper in perfekte Form kommt“, zeigt sich Claudine erleichtert, „es ist nicht mehr lange hin bis zu Veith’s Show!“

    Pah! Als ob ich das nicht selber wüsste!
    Als ob mir nicht der bloße Gedanke daran schlaflose Nächte bereiten und sich mir auf den Magen schlagen würde, was ein Anzeichen höchster Nervosität ist, da es sonst kaum etwas gibt, das meinen Appetit beeinträchtigen kann.

    Eine Woche nach meinem Umstyling ist eine kleine Fotosession angesagt, bei der ich auch meine neuen Kolleginnen kennenlernen werde – also die Models, die gemeinsam mit mir bei Veith’s Show über den Laufsteg hampeln, Verzeihung, schreiten werden.

    Nora bringt mich hin, da sie aber im Auftrag von Veith einen anderen wichtigen Termin wahrnehmen muss, lässt sich mich nur mit einem ironischen „Augen zu und durch!“ aussteigen und flitzt in ihrem kleinen Wagen davon.

    „Sehr aufmunternd, Nora!“ murmle ich und füge mich in das Unvermeidliche.
    „Ach was! Die werden mich ja nicht gleich fressen. Sind ja auch nur Mädels – so wie ich“, spreche ich mir leise Mut zu, bevor ich das Haus betrete.


    Aber WAS für Mädels!
    Wortlos stehe ich an der Tür zu einem toll eingerichteten Raum, in dem es sich fünf Mädchen gemütlich gemacht haben und teils angeregt miteinander plaudern, teils gelangweilt herumhängen.
    Bisher hat mich noch keine von ihnen bemerkt, was gut ist, denn in der momentanen Situation muss ich ja aussehen, wie der berühmte Ochs vorm Scheunentor.

    Wenn man als Model jobbt, lernt man ja zahlreiche gutaussehende weibliche (und auch männliche) Wesen kennen, aber ich schwöre es: Ich habe bisher noch nie fünf so wunderschöne Frauen auf einem Haufen gesehen!
    Da denkt man, man hat jetzt eine neue Frisur, die einem gut steht, man trägt Make-Up und Klamotten, in denen man nicht wie der letzte Schlurf aussieht, man trainiert hart, um seinen Body zu formen und glaubt, jetzt gehört man dazu zum inneren Kreis der Modewelt, zu den privilegierten Geschöpfen, die dafür bezahlt bekommen, dass man sich an ihrem Anblick erfreuen kann.


    Und dann… WUMMM… dann trifft man auf so was und fühlt sich plötzlich wieder ganz klein und entsetzlich provinziell, wie ein zurückgebliebenes Küken zwischen schillernden, prächtigen Pfauen.
    Und dann bringt man kaum ein „Hallo“ heraus, sondern nur ein krächzendes Irgendwas – und prompt wird diese Situation zum peinlichsten Augenblick deines Lebens!

    Hallöchen, melde mich mal wieder mit einer neuen Fortsetzung... ich weiß... ich hab' mir mal wieder viel Zeit gelassen...
    Trotzdem - Viel Spaß!


    Am selben Abend bin ich mit Constantin verabredet.
    Bin ja mal ganz gespannt, was er wohl zu meinem neuen Look sagen wird, denn eigentlich hat er meine blonde Mähne immer am meisten an mir bewundert.

    Eine schnieke Bar in der Münchner Innenstadt ist Schauplatz dieser bevorstehenden Prüfung.


    Seltsamerweise schlottern bei dieser Begegnung meine Knie genauso wie bei meinem ersten Date mit Constantin.

    „Mach dir bloß nicht gleich vor Angst in die Hose, du eitle Pute!“ verhöhnt mich die innere Stimme, als Constantin mit unergründlichem Gesichtsausdruck auf mich zukommt.

    Wenigstens erkennt er mich auf Anhieb, trotz Totalüberholung!
    Ob ihm aber gefällt, was er erblickt, lässt sich aus seiner Miene nicht entschlüsseln.


    „Hey“, flüstere ich beklommen. Alles hätte ich erwartet, nur nicht so eine überhaupt nicht vorhandene Reaktion: Weder ein „Wow, du siehst klasse aus“ noch ein „dein Styling find’ ich voll daneben“ kommt über Constantins Lippen.


    Selbst ist die Frau! Bevor mir das Herz tatsächlich noch in die Hose rutscht, fasse ich all meinen Mut zusammen und fasse nach Constantins Hand. „Jetzt sag schon, Schatz! Wie gefall’ ich dir?“
    Irgendwas muss er jetzt ja wohl sagen!


    Statt einer verbalen Antwort umfasst mich Constantin mit seinen starken Armen, biegt meinen Rücken im Lambada-Style nach hinten und knutscht mich vor aller Augen wie ein Wilder stürmisch ab.
    Jipieh! Das reicht mir als Antwort! Mehr wollte ich gar nicht wissen!


    Ein bisschen peinlich ist es ja schon, so vor den gesamten Besuchern des Lokals, aber ich bin wahnsinnig glücklich.
    Constantin ist begeistert und als wir uns gegenüber an einem Tisch gesetzt haben, starrt er mich bewundernd an und lässt sich sogar zu begeisterten Komplimenten hinreißen.

    „Sexy“. „Geil“ „wahnsinnig erotisch“, etc. – ich glaube, Constantin wäre momentan glatt in der Lage, mich hier mitten in dieser Outdoor-Bar auf dem Fußboden oder auf der Theke zu vernaschen.

    Irgendwie schaffen wir es an diesem Abend doch noch, ohne eine Anzeige wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses zum Saritz’schen Haus zu gelangen.
    Ich danke Gott dafür, dass die beiden Paradiesvögel heute ausgeflogen sind. Endlich einmal ungestörte Stunden gemeinsam mit meinem Schatz!

    Ja! Heute Nacht lassen wir’s mal richtig krachen und verziehen uns mit einer Flasche Champagner in den hauseigenen, heißen Whirlpool.


    „Weißt du, dass ich unheimlich scharf auf dich bin?“ flüstert Constantin heiser, als wir eng aneinander gekuschelt im warmen, sprudelnden Wasser sitzen.

    Ein „Ich liebe dich“ wäre mir an dieser Stelle zwar lieber gewesen, aber man weiß ja, wie Jungs in dieser Beziehung so sind. Meine Mutti hat mir erzählt, dass sie erst nach einem Jahr Verlobungszeit diesen Satz aus Papa’s Mund zu hören bekam. Man darf da also wohl nicht zu viel erwarten!


    Eines Tages werde ich bestimmt von Constantin die berühmten drei Worte, die so viel für eine Frau bedeuten, hören. Bis dahin muss ich mich in Geduld üben und das genießen, was wir miteinander haben: Eine Beziehung, die manchmal vielleicht an gelebter Alltagsromantik zu wünschen übrig lässt, aber in der es dafür an Erotik so knistert, dass man förmlich die Funken sprühen sieht.


    geht noch weiter...


    Augenblicklich sehe ich mich umringt von einem Team, bestehend aus einer flippigen Rothaarigen und zwei schnuckeligen Typen, die augenscheinlich ein Pärchen sind – und werde von diesen drei von allen Seiten fachmännisch beäugt, während ich erwartungsvoll in einem kreischend pinken Kugelsessel der Dinge harre, die da auf mich zukommen.

    Die folgenden Stunden werden sehr lustig, denn das Mädchen mit den roten Zöpfen, Sue genannt, reißt einen dummen Spruch nach dem anderen über ihre beiden Kollegen, die dazu erst gutmütig grinsen und dann stets mit einer Retourkutsche anfahren, die sich gewaschen hat.


    Mein herzhaftes Lachen verhindert fast, dass Ronny seinen „perfekten“ Lidstrich anbringen kann, aber da er – ebenso wie Sue und Lars – ein Meister seines Fachs ist, schafft er es trotzdem irgendwie, seine Künste an mir walten zu lassen.


    Sue schnipselt inzwischen fortwährend an meinen Haaren herum, während Lars inzwischen eine Tönung von undefinierbarer Farbe und Konsistenz anmischt.

    „Voilá! Ab vor den Spiegel, meine Süße!“ flötet Ronny.


    Ich gehorche und trete vor den wandhohen Spiegel, aus dem mir ein völlig fremdes Mädchen erstaunt entgegenblickt.


    „Also…, ähm…, WOW…!“ stammle ich. Der Anblick meines Spiegelbildes gefällt mir - je länger ich mich betrachte, umso besser gefällt er mir.


    Auch Veith und Nora sind inzwischen wieder eingetrudelt und nun stehen fünf Leute um mich herum und überschlagen sich gegenseitig mit bewundernden Kommentaren über meinen neuen Style.


    Der begeisterungsfähige Veith scheint wahrlich in einen Freudentaumel auszubrechen und würde mich wahrscheinlich fast mit seiner Umarmung erdrücken, wenn ich ihm nicht lachend Einhalt gebieten würde.


    „Leute, ihr habt ein Wunder vollbracht!“ streut er seinem Team Lorbeeren. „Jetzt ist unsere Jaqueline wirklich eine wahre Bereicherung für jeden Laufsteg!“


    So, ich hoffe, es hat euch diesmal gefallen und werde mich bemühen, bis zur nächsten Fortsetzung nicht so viel Zeit vergehen zu lassen.
    Lg, eure Amber

    Nora lenkt ein.


    „Du hast ja recht, Veith! Aber sie ist nun mal verdammt jung und blond und süß! Glaubst du etwa, ich kann so mir nichts dir nichts eine ‚femme fatale’ aus ihr machen, ohne dass sie einen Mega-Schock erleidet?“


    Ich denke, jetzt ist es an der Zeit, mich in das Gespräch, das über meinen Kopf hinweg über mich geführt wird, einzuklinken.


    „Lieb von dir Nora, aber mach dir keine Gedanken: Ich bin für alle Schandtaten bereit! Sei jetzt nicht sauer, aber der Barbie-Look ist echt nicht meins“, wage ich, Einwand zu erheben. Wahrscheinlich habe ich jetzt grade eine Freundin verloren (denn eine Freundin, das ist Nora inzwischen für mich geworden).


    Erstaunlicherweise aber strahlt Nora mich an – genau wie ihr Boss.

    „Ich wusste, dass wir mit dir einen Glücksgriff getan haben, Jaqueline!“ grinst Veith und gibt seiner Assistentin einen versöhnlichen Knuff in die Seite.


    „Wie ich dir’s gesagt habe, Noralein! Jaqueline ist kein Girlie, sie ist eine Persönlichkeit!“

    Die „Persönlichkeit“ nimmt es gelassen hin, dass Veith Cronshagen-Harrach sie mitsamt seiner Assistentin in seine Limousine verfrachtet und höchstpersönlich gen München kutschiert, um sie dort von seinen Friseuren und Stylisten bearbeiten zu lassen.


    „Du wirst sehen, Jaqueline: In knapp drei Stunden wirst du dich im Spiegel nicht wieder erkennen, aber du wirst trotzdem wissen, dass DU das bist“ verspricht Veith zuversichtlich und macht gemeinsam mit Nora einen Abgang.

    ... auf in den Endspurt...

    Uupps, hab' grade bemerkt, dass ich das selbe Kapitel 2x reingestellt hab'. Na, ja, man sollte halt nicht zu voreilig sein, wenn die Technik nicht gleich so will, wie man selbst. Sorry.



    Als ich gerade mein viertes wöchentliches „Training“ bei Nora absolviere, platzt auf einmal Veith herein, den ich seit unserer ersten Begegnung damals nicht mehr zu Gesicht bekommen habe.


    „Jaqueline! Mein Mädchen!“ begrüßt er mich überschwänglich und ignoriert Nora dabei geflissentlich – bis er meine Optik einer näheren Überprüfung unterzieht und endlich seine Aufmerksamkeit seiner Assistentin zuwendet „Du hast auch schon mal bessere Arbeit geleistet, Nora!“ bemerkt er trocken in ihre Richtung.


    Nora scheint verlegen und ich bin verblüfft, weil sie ansonsten immer total selbstbewusst und von sich und ihren Fähigkeiten überzeugt scheint.


    Veith hat ihr bereits wieder den Rücken zugewandt und starrt mich von oben bis unten an.

    „Das ist nicht das, was ich wollte! Hab’ ich dir nicht schon hundertmal gesagt, dass ich keine Barbie-Puppen mehr für meine Shows will? Jaqueline hat ein Gesicht und du – WAS TUST DU? – du kleisterst es mit Make-Up zu einer Maske zu! Sieh sie dir an, Nora! Was soll das? Erklär mir das mal!“


    Nora versucht, sich zu verteidigen, doch gegen Veiths Wutausbruch kommt sie nicht an.


    „Wofür bezahle ich dir eigentlich so ein Top-Gehalt, wenn du nicht mal fähig bist, den Typ dieses Mädchens hervorzuheben und nicht zu verdecken?!“ schreit der große Designer aufgebracht.


    Nora fängt sich schnell wieder und wirkt gottseidank nicht mehr wie ein eingeschüchtertes Mäuschen.

    „Lass mich doch erklären, Veith! Wir arbeiten hier seit 4 Wochen jeden Donnerstag Nachmittag miteinander und das nicht 2, 3 Stunden, wie du es angeordnet hast, sondern 5, 6 Stunden! Jackson ist ein 16-jähriges Schulmädchen, kein Profi-Model! Sie muss alles erst von der Pike auf lernen – einfach ALLES, was mit dem Model-Business zu tun hat“ erklärt sie ihrem Chef.


    Veith scheint sich langsam wieder einzukriegen und wirkt wieder ruhiger, wenn auch immer noch schmollend.


    „Und…? Was hat das damit zu tun, wie sie aussieht? Glaubst du etwa, wenn du ihre Haare schmalzig-blond färbst, ihr Löckchen eindrehst und sie in ein süßes, gepunktetes Röckchen steckst, dass sie es dann schneller lernt? Ich will ein MODEL und kein Kleinkind! Wir haben das besprochen, Nora. Du sollst etwas aus ihrem Typ machen und sie nicht verkleiden!“

    es geht noch immer weiter...

    Doch das Leben geht weiter – und es geht in einem rasanten Tempo weiter…

    Der Modeljob ist anstrengender, als ich mir das je vorgestellt hatte. Claudine und Jonas – die beiden Unermüdlichen – schmieden täglich neue Pläne, um meine Karriere voranzutreiben. Und dessen nicht genug, muss ich mir das auch in den kleinsten Details immerzu anhören. Dagegen ist das „Training“ bei Nora der reinste Spaziergang.

    O.K. – sie fordert zwar eine Menge von mir, lässt mich dauernd in den verschiedensten Klamotten vor der Fotowand in ihrem Büro posieren…


    …korrigiert ständig meine Haltung, erklärt mir, wie ich zu stehen, gehen, etc. habe…


    … lässt keinen Fehler zweimal durchgehen, aber wenn sie bemerkt, dass ich nach solchen Nachmittagen echt erschöpft und ausgelaugt bin, schubst sie mich in einen Sessel, stellt mir eine heiße Tasse muntermachenden Espresso hin und greift zum Telefon, um…


    … eine Riesen-Familien-Pizza für uns beide zu bestellen.


    Dann sitzen wir in zufrieden-übereinstimmenden Schweigen, das nur durch genießerische Schmatz- und Kaugeräusche unterbrochen wird, da und lassen uns die Kalorienbombe, von der der zerschmolzene Käse heruntertropft, auf der Zunge zergehen – so lange, bis Nora beschließt, dass für mich nun Schluss ist.


    „Nein, Jackson! Für heute ist’s wieder genug! Oder hast du etwa Lust, am Abend noch eine Stunde länger auf dem Hometrainer zu verbringen?“

    Der Gedanke an noch mehr sportliche Betätigung wirkt Wunder – augenblicklich bleibt mir das letzte Stück Pizza im Halse stecken.


    Ich hasse Sport und jede Minute mehr auf dem Laufband oder dem Heimtrainer ist für mich eine Zumutung, der ich mich nicht mehr als notwendig aussetzen möchte.

    Aber immerhin darf ich bei Nora wenigstens ab und zu in verbotenen Genüssen schwelgen – was man von Claudine nicht behaupten kann!

    Sollte ich im Saritz’schen Haus tatsächlich ein Mal etwas zu essen bekommen, dann besteht die mir vorgesetzte Kost zu 100 % aus fettarmen, ballaststoffreichen, durchwegs kalorien- und völlig geschmacklosen Zutaten – mit einem Wort: …


    …UNGENIESSBAR!

    Da lob ich mir doch die Pizza-Sessions bei Nora und Mamis leckere Hausmannskost, wobei diese – zu meinem Leidwesen – auch immer karger und schmäler wird, seit Claudine meiner Mutter eingebleut hat, mir nur gesunde Kost vorzusetzen!
    Wie ich da bloß bei Kräften bleiben soll? (aber das scheint ja auch nicht Sinn und Zweck des Ganzen zu sein…)


    geht noch weiter

    Hallo liebe Leute! Asche auf mein Haupt!!!
    Ich hab' euch ja ziemlich lange warten lassen mit einer Fortsetzung (das liegt jedoch nicht an Desinteresse oder Schreibfaulheit, sondern schlichtweg am Job, der mir derzeit kaum Luft für andere Sachen lässt) - hoffe, ihr lest trotz Unterbrechung noch weiter mit.

    Wenn ja - viel Spaß mit dem folgenden Kapitel.

    Ich kann nicht behaupten, dass Matti mir jetzt im alltäglichen Leben sooo unsäglich fehlt, dass ich es nicht aushalte, aber irgendwie ist da, obwohl wir vor seinem Umzug ja schon wochenlang keinen Kontakt hatten, eine Leere, die kein anderer ausfüllen kann – auch Constantin nicht.
    Oft merke ich diese Leere gar nicht, denn die Schule und das Training bei Nora beanspruchen so viel Zeit, dass ich kaum zum Nachdenken komme. Nur nachts, bevor ich einschlafe, überkommt mich immer wieder das Gefühl des Verlusts.


    Manchmal weine ich dann.
    Meistens aber liege ich einfach nur so da und lasse die Vergangenheit in meinen Gedanken Revue passieren…


    Dann tauchen die Bilder von früher in meinem Kopf auf.

    Matti und ich als Kinder…


    … beim „Räuber-und-Gendarm“-Spielen, wo wir beide immer gleichzeitig der Bösewicht sein wollten…


    … beim Schaukeln in unserem Garten, wo einer den anderen an Höhe immer zu übertreffen versuchte, weil wir beide „bis in den Himmel hinauf“ schaukeln wollten…


    … wie wir uns oft heimlich in die Küche von Mattis Mama geschlichen haben, um an den Süßigkeitenschrank zu gehen und so lange von den Keksen genascht haben, bis uns beiden schlecht davon wurde und wir Bauchweh bekamen…


    … wie wir uns einmal beim Dunkelwerden in den Büschen in unserem Garten versteckt haben und die halbe Nacht hindurch dort ausgeharrt haben, weil wir partout nicht ins Bett wollten und unsere Eltern schon kurz davor waren, eine Vermisstenmeldung aufzugeben…

    Herrliche Zeiten waren das! Die ganzen Jahre hindurch – bis vor ein paar Wochen… und nun ist Matti weg und damit ein Teil von mir, der irgendwie immer dazugehört hat zu meinem Leben.

    geht noch weiter


    Matti senkt den Blick und macht Anstalten, sich zu erheben.

    „Tja, ich muss dann! Also…“


    Wir stehen auf und Matti nimmt meine eisig kalte, schweißnasse Hand und drückt sie, einige Sekunden lang.


    „Ciao, Jackson! Mach’s gut!“

    „Tschüß Matti“ flüstere ich niedergeschlagen „schreib mir und ruf mich an!“


    Matti schüttelt den Kopf.

    „Nein. Das werd’ ich wahrscheinlich nicht machen. Aber ich werde an dich denken, Jackson – ganz oft.“


    Das Gefühl, den kostbarsten Menschen, der mir am meisten auf der Welt bedeutet, zu verlieren, ist entsetzlich. Warum bin ich erst in letzter Minute gekommen? Warum habe ich nicht früher bemerkt, was Matti für mich bedeutet?
    Es hätte noch so viel zu sagen gegeben, doch das alles wird jetzt unausgesprochen bleiben.


    Bevor Matti und seine Mutter ins Auto steigen und Niederfreisingen für immer „Adieu“ sagen, winken mir beide noch mal zu.


    Ich hebe die Hand und winke ebenfalls – so lange, bis der Wagen schon längst nicht mehr zu sehen ist und wahrscheinlich bereits auf der Autobahn dahinbrettert.

    „Nein! Bleib! Bitte…“

    Mattis Stimme klingt auf einmal ziemlich verzweifelt, was mich dazu veranlasst, abrupt stehen zu bleiben.


    „Jackson“, höre ich ihn den Spitznamen, den er mir gegeben hat, flüstern.

    Mir ist zum Heulen zumute und als ich wieder zu Matti umdrehe, merke ich, dass es ihm nicht anders geht.


    Es ist eine Szene voller Dramatik, wie man sie eigentlich sonst nur aus dem Kino kennt, doch das Schlimme daran ist: Es ist Wirklichkeit! Die tragische, traurige Realität, die uns gerade widerfährt.


    „Warum ist das alles passiert, Matti?“ seufze ich und Matti hebt und senkt verständnislos die Schultern.
    Keiner von uns beiden weiß eine Antwort auf die Geschehnisse der letzten Wochen.


    Würden wir es rückgängig machen wollen, wenn wir es könnten?
    Würde ich auf alles das verzichten wollen, was ich erlebt habe? Würde Matti darauf verzichten wollen, endlich aus diesem Dorf wegzukommen, was doch immer sein größter Wunsch war?
    Wenn wir uns anstrengen würden… – könnten wir unsere Freundschaft überhaupt noch retten? Oder sind zu viele Dinge passiert, die uns auseinander treiben haben lassen, die uns einander entfremdet haben? Sind wir noch dieselben, die wir vor wenigen Wochen waren, als wir zusammen auf der Hollywood-Schaukel vor meinem Elternhaus gesessen haben? An dem Abend, an dem…

    DER KUSS!


    Ich habe ihn fast vergessen! Nun fällt er mir wieder ein. Alles fällt mir wieder ein…

    Matti und ich setzen uns nebeneinander auf die Holzbank vor dem Haus und reden. Wir reden fast eine Stunde lang ununterbrochen…


    … über alles Mögliche. Wir reden so, wie wir früher immer miteinander geredet haben. So, als hätte unsere Freundschaft immer noch Bestand, als wäre dazwischen nichts passiert.

    Nur über eines reden wir nicht. Über unsere Gefühle. Ist es zu früh? Oder ist es schon viel zu spät? Wer weiß?!

    Mattis Mutter packt gerade den letzten Koffer in den Umzugswagen und ruft zu uns herüber „Matti, wir müssen dann los!“

    Die ganze Nacht hindurch hallen diese Worte durch meinen Kopf. „Ihr könnt doch so nicht auseinandergehen. Mach du den ersten Schritt.“

    Als es am nächsten Morgen langsam hell wird, liege ich schon lange wach. Eigentlich habe ich kaum geschlafen.


    Mein Spiegelbild wirft mir ein übermüdetes, verquollenes Abbild meiner selbst entgegen. Die Hollywood-Wellen, die Nora mir vorgestern mit Ultra-Heizwicklern ins Haar gezaubert hat, haben sich verflüchtigt und meine Naturkrause hat noch nicht wieder Überhand genommen, so dass mir meine Haare jetzt glatt – wie am Kopf angepappt – herunterhängen.

    Doch mein Aussehen ist heute Morgen meine geringste Sorge. Es ist halb 7. In zweieinhalb Stunden wird Matti aus meinem Leben verschwinden!
    Die ganze letzte Nacht, seit Ulli mir von Mattis Exodus erzählt hat, habe ich drüber nachgedacht: Soll ich oder soll ich nicht? Ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass ich kein Feigling sein will und wenn ich nicht von meinem einstmals besten Freund Abschied nehme, würde mir das bestimmt eines Tages mächtig Leid tun.

    Ich schmeiße mich also hurtig in die erstbesten Klamotten und trabe Richtung Unterrheiner’sches Anwesen, was eine glatte Übertreibung ist, denn Matti und seine Mutter bewohnen ein fast winziges Häuschen am Ortsrand – Verzeihung: haben bewohnt, denn als ich dort ankomme, steht der Umzugswagen schon zur Hälfte mit Kisten bepackt parat.


    Wie eine Verrückte bin ich die Dorfstraße entlang gerannt und bleibe keuchend vor Matti stehen.


    Er ist gerade dabei, seine Bücher im Lieferauto zu verstauen und empfängt mich nicht besonders freundlich.


    „Was machst’n du hier?“ blafft er mich an.


    Ich bin völlig außer Puste und klammere mich an seiner Schulter fest, um nicht vor Erschöpfung umzufallen.
    Als ich wieder so weit zu Atem gekommen bin, dass ich sprechen kann, ohne dass jedes Wort durch ein Keuchen unterbrochen wird, versuche ich mein frühmorgendliches Auftauchen zu erklären.


    „Abgesehen davon, dass ich dir mitteilen wollte, dass ich es ziemlich beknackt von dir finde, weil du mir nix davon erzählt hast, dass ihr wegzieht, möchte ich mich einfach nur von dir verabschieden“, eröffne ich meine Absichten.

    Mattis Reaktion darauf ist ein verlegen-ausweichender Blick auf die Straßenmarkierung.

    Kapiert der denn gar nichts? Versteht er denn überhaupt nicht, dass es mich ganz schön Überwindung gekostet hat, hier aufzutauchen? Muss er mich jetzt, in den letzten Minuten, die wir noch miteinander verbringen können, auch noch demütigen und abweisen?


    Jetzt dreht er sich auch noch weg von mir und starrt angestrengt wer weiß wo hin!

    „Ich glaub’, ich geh besser wieder“ murmle ich enttäuscht und mache eine Kehrtwendung.

    „Ihr sprecht alle in Rätseln. Was soll er mir gesagt haben, Ulli? Ist er jetzt mit meiner Cousine Iris zusammen, oder was?“

    Ulli hebt abwehrend die Hände.
    „Was du wieder denkst! Deine Cousine ist doch viel zu alt für Matti! Klar, sie ist sehr hübsch und total nett und so…“


    „ULLI! VERDAMMT NOCH MAL, jetzt sag endlich was Sache ist, oder ich…!“


    Bevor schwerwiegende Drohungen meinerseits ausgesprochen werden können, fällt Ulli mir ins Wort. „Matti zieht mit seiner Mutti weg von hier. Morgen kommt schon der Umzugswagen.“

    WUMM! Das sitzt! Aber heftig!


    Ich brauche Minuten, damit das heftige Herzpumpern wieder zurückgeht und bis es in meinem Kopf nicht mehr so dröhnt und trommelt, als ob eine ganze Elefantenfamilie darin den Vogerltanz aufführen würde.

    „Und wann hatte er vor, mir diese Neuigkeit mitzuteilen?“ frage ich niedergeschlagen.


    „Na ja, ich glaube, er wollte es dir heute sagen, aber soweit ich es mitbekommen habe, habt ihr ja den ganzen Tag kaum ein Wort miteinander gewechselt“, entgegnet Ulli mitfühlend.


    „Er hätte es mir sagen müssen. Schließlich waren wir einmal Freunde“, flüstere ich.


    Ulli sieht mich aufmerksam an. So ernst habe ich sie selten erlebt.


    „Vielleicht hat er sich nicht getraut. Vielleicht tut es ihm genauso weh wie dir. Mach du den ersten Schritt, Jaqui! Geh morgen früh hin – der Umzugswagen kommt um 9 – und rede noch mal mit ihm. Ihr könnt doch so nicht auseinandergehen!“



    So, jetzt ist aber Schluss! Bis bald!

    „Na so was! Die Kriegerin wird müde. Wer hätte das gedacht?“


    „Bitte, Matti, ich meine es ernst. Geh und amüsier dich mit Iris oder mit sonst wem, aber hör auf mich zu verarschen. Auch wenn wir keine Freunde mehr sind: Das hab’ ich nicht verdient.“


    „Schon gut! Nur keine Panik! Wir müssen nicht miteinander reden. Du wirst von meiner Gegenwart erlöst.“
    Und wieder dreht er mir den Rücken zu und haut einfach ab.


    Und wieder denke ich für einen kurzen Augenblick, ob ich ihm nachlaufen sollte.
    Und wieder bringe ich nicht den Mut dazu auf…

    Matti taucht für den Rest des Abends nicht wieder auf und meine Nachricht auf Constantins Mobilbox bleibt auch unbeantwortet.

    Deprimiert lungere ich in einer Ecke herum und beobachte gelangweilt den Fortgang der Party.


    „Na du kleines Trantütchen!“ Ulli, die sich im Laufe des Abends im Arm von ihrem Schatz Manuel wahrscheinlich schon die Füße wundgetanzt hat, steuert beschwingt auf mich zu.


    „Du bist die Einzige hier, die sich nicht amüsiert. Was ist? Kannst du ohne Constantin keinen Spaß mehr haben?“

    In jeder anderen Situation wäre ich ihr wahrscheinlich bei dieser Frage an die Gurgel gesprungen, doch nicht mal dazu kann ich mich noch aufraffen, weil ich viel zu geknickt bin.

    „Ach was! Constantin hat mit diesem misslungenen Abend nix zu tun!“ erkläre ich meiner Freundin verbittert.


    „Ich ärgere mich hauptsächlich über Matti, diesen eingebildeten Affen. Macht sich zuerst über mich lustig, dreht sich auf einmal weg und ruft wie eine alte Unke ‚Du wirst von meiner Gegenwart erlöst’. Langsam hab’ ich diese Spielchen satt. Warum können wir nicht wie normale Menschen miteinander reden?“

    Ulli schaut mich verdattert an. Was ist denn nun wieder los? Das müsste sie doch kapieren, dass ich mich über dieses komische Verhalten von Matti ärgere!


    „Dann hat er’s dir also nicht gesagt?“

    WAS gesagt, zum Teufel?!



    noch nicht ganz, aber bald...